Die Wortefinderin


schreiben ist keine kunst. es ist ein begehren. ein sich herantasten. nach vorne trauen und sich zeigen.
wenn es gut ist, bewegt es. wenn es von herzen kommt, berührt es und wenn es passion ist, ist es das tor zu neuen welten.
ein wort. ein anfang. ein statement.
den rhythums finden. die essenz. die schönheit und die kraft. vielleicht eine botschaft, vielleicht eine aussage oder eine geschichte.
wenn es gut läuft eine klarheit. und am ende ein ausrufezeichen. unbedingt ein ausrufezeichen.  nicht mehr und nicht weniger.
aber was ist, wenn die worte fehlen für das begehren, die wünsche, die briefe und das anliegen? gib deinen gedanken eine richtung. deinem herzen eine tür und lass dich fallen in die Welt der Phantasie.
ob es gelingt?
es gibt nur einen weg es heraus zu finden. tu es!

Weisst Du eigentlich

wie schön

Du bist

wenn du lachst?



Kurze Kürzestgeschichte

 

Etwas für den kleinen Lesehunger zwischendurch. Ein literarisches Ü-Ei. Auspacken. Zusammenbauen. Weglegen. Etwas, was erfreut und nicht weh tut. So was wie:

Lisbeth hatte sich unsterblich in Herrmann verliebt. Aber Herrmann war Matrose und Lisbeth ein Kaninchen. Zwei Seelen die nicht zueinander finden und erst im tragischen Ende auf einer Hochseeyacht beim Kaptainsdinner sich wiedersehen. Zu spät. Viel zu spät. Aber es ist immer zu spät. Oder zu lang. Kurz ist, wenn man sich am Anfang schon auf das Ende freut. So wie in einer Ehe. Oder wenn man sich am Ende noch an den Anfang erinnern kann.  Wie bei einem Onenightstand.

Oder wenn man sich am Ende schon auf den nächsten Anfang freut. Weil da die nächste Geschichte wartet. Über das Ei, was sich nicht auspacken lassen wollte, weil es Angst hatte vor seiner eigenen Überraschung. Na, neugierig geworden? Könnte ja ein Matrose drin stecken oder ein Kaninchen. Oder ein ganzes Kreuzfahrtschiff. Samt Kapelle, Eisberg  und Untergang. Aber ohne De Caprio sonst wird die Geschichte zu lang. Und Überlängen sind gar nicht gut. Am Ende trittst du auf die Geschichte und stolperst über das traurige Ende. Da steht nämlich weinend der Kapitain am Büfee, weil er sich kein Ü Ei leisten kann, keine Kaninchen und keine Bücher mit kurzen Kürzesgeschichten.

Aber wenn Sie Glück haben, und das haben sie am Ende immer, kommt nochmal ein Matrose vorbei und spinnt noch einmal sein Garn. Aus uralten Zeiten. Mit Geschichten, die so satt manchen wie das Leben, die Liebe und das Abenteuer.

 

 

„Fünf sind mehr als einer“ oder Gestern wird bestimmt besser“

 

Wir waren zu fünf. Aber das machte die Sache auch nicht besser.

Karl-Heinz schlug etwas aus der Art. So wie er sägte sägte keiner. So wie er fluchte fluchte keiner und so wie er rülpste klang es als hätte ein Nashorn Hämorriden

Aber Kalle war eben Kalle. Und außerdem Metzgermeister. Einer von der schlichten Art. Bolzen, Strom. Aufschlitzen, ausweiden und dann Wurst machen. Als er Geselle war gab es noch den Naturdarm für die Wurst, Seidenstrumpfhose und Mieder für das Fräulein Verkäuferin und für Kalle Pornos auf Papier. Gearbeitet wurde von morgens vier bis abends um sieben. Dazwischen Bierchen, Nickerchen und Skat kloppen. Kalles Weltbild hatte genau zwei Seiten. Seine und die von Bild. Im bestenfalls kam beides zusammen. Das machte das Leben einfacher und verdaulich. Titten auf Seite eins, Fußball auf der zwei und Modern talking als Feuilleton.

Nix mit digitalen Welten. Fernsehen war auch nur Stereo. ARD und ZDF. Davor und danach Testbild. Und wenn Testbild kam war Zeit für Muttern. Das Vierfache R war sein Kalles Formel zum Glück. Rauf, rein, raus, runter. Solide Begattungstaktik mit einem „Na wie war ich? Zum Abgang. Muttern nickten und Kalle haute die Kerbe ins Bettgestell. Nix Kür nur Pflicht. Ergebnis 2 x 2 Zwillinge. Heute schicki Micki in Hamburg und München. Streit nach Muttis Tod und aus die Maus mit Enkelkindersehen und Geschenke ankarren.

Kalle hat malocht. Und nicht zu knapp. 55 Jahre lang. Von der Pike auf gelernt. Lehrling bei  Oberforen, dann rüber zu Engelbrecht und danach in die Selbständigkeit. Jeden Morgen aufstehen vor dem Hähne krähen.  Mit Fräulein Zielinski an der Kasse,  Kalle im Blutbad und Muttern in der Wurstküche. Ab 8 Uhr dann gepflegtes Grinsen der Fleischereifachverkäuferin „Darfs auch ein bisschen mehr sein?“ Fleischwurströllchen für den Nachwuchs und Bimmelbim das Kleingeld retour. D-Mark waren noch gute Zeiten. Mit dem Euro gings begab. Lange Gesichter an der Wursttheke. So teuer? Hat die Kuh auf biologischen Grund gekackt hat? Wie jetzt, dat soll bio sein? Datt Kotelett sieht aber nicht glücklich aus.

Wenns den Leuten scheiße geht wollnse zumindest glückliche Tiere fressen. Vier Sterne Stall aber zum Jugendherbergspreis. Seit Bio hat der Kalle graue Harre, seit Lidl, Penny und Netto Glatze. Hat sich die Harre erst gerauft und dann einzeln rausgerissen. Kalle wetzt die Messer. Wild! Bio! Ich geb dir gleich Naturdarm auf die Eingeweide. Von wegen: Handwerk hat goldenen Boden.  Nitratfrei. Güllefrei. Hamse das Kotelett auch ohne Fleisch? Äh, ich mein Fett.
Selber inne Bürobox vegetieren,  aber Freilandhaltung in der Nahrungskette. Kalle Platz bald die Pelle. Diese Kundschaft hat er nicht verdient. Antiseptisch, komplettrasierte total Hygiene und hochgezüchtet auf Leistungslevel 2.0815. No future generation als instantkonzentrat. DAX statt Dachs. Keine Ahnung von Naturgewalten. Aber zentralverriegelt und ferngesteuert.

Geiz ist geil. Die Kasse klingelte immer weniger und die Lieferanten wollen Geld sehen. Häuschen verkauft und immer noch verschuldet. Kalle kocht in der Wurstküche vor Wut. Dann hat er sich das Messer über die Finger gezogen und den Kettenhandschuh vorher vergessen. Blutbad in der Wurstküche. Vier Finger am Boden – ist das jetzt Bio? Oder doch ein Versicherungsfall?
Die letzten vier Cocktailwürstchen hat er seinem Versicherungsvertreter geschenkt als der ihm erzählt hat die Berufshaftplicht zahlt für diesen Schaden nicht.

Kalle hatte die Arschkarte gezogen. Genauso wie Willi.

Willi war Kumpel, Kollege, Freund und Leidensgefährte. Das Schicksal und 6 Flaschen  Maria Cron hatten sie zusammengeschweißt. Das war am 12. Dezember genau 11 Tage vor Weihnachten und sie waren pleite. Bis auf die Löcher in ihren Socken besaßen sie nichts außer dem Willen diesem  Heini vom Jobcenter ein paar Scheine aus den Rippen zu leiern. Kalle hatte die Nummer mit dem geklauten Portmonee auf dem Weihnachtsmarkt versucht, aber dieser Jobverdreher hatte nur gegrinst und gesagt. Wie schön sie wiederzusehen Herr Weber. Sie sind mein Lieblingsverlierer. Immer wenn es  in der Stadt ein Event gibt verlieren sie die komplette Barschaft. 12. Februar: Karnevalsumzug, 16. Juni Fantastival. 28. August Din-tage, und zuletzt Martinikirmes.  Aber immerhin haben sie das geklaute Papier der Martinkirmes wiedergefunden. Wenn das mal nicht ein gute Nachricht ist. Der Nächste bitte.

Der Nächste war dann Willi und Kalle wäre fast vom Stuhl gefallen. Willi war komplett und original sein Spiegelbild. Gleiche Statur, gleiche Klamotten und die gleiche Geschichte. Nur statt der Martinikirmes hatte er die Eröffnung der Neutorgalerie im Programm. Auf diese Wendung war der Jobvermittler nu n aber so was von überhaupt nicht vorbereitet.  Eine Dienstanweisung dazu gab es auch nicht, wie auch, hatte der Sündentempel doch gerade erst geöffnet. Außerdem war die Chefin in Urlaub, seine Vertretung in der Schwangerschaftskonfliktberatung und ansonsten waren alle in der Fortbildung „Flexible Handspielräume und individueller Beratungsziele kompetent vermeiden“.  Herr Winterfeld fasste sich ein Herz zu einer eigenständigen Denk Leistung und bewilligte Willi eine außerordentliche Ersatzzahlung mit der Bitte damit nicht auf die nächste  Kirmes zu gehen, den Weihnachtsmarkt großzügig zu umgehen und Silvester bitte zu Hause zu bleiben. Willi sagte dreimal ja und war damit der Gewinner des Tages. Er stürmte hinaus, umarmte Kalle und beschloss spontan den unverhofften Sieg in so etwas Wertvolles wie einen leckeren Weinbrand zu investieren. Danach folgte die Siegesfeier über die deutsche Bürokratie, dicht gefolgt  von einem anständigen Besäufnis  in Willis Schrebergarten hinterm Stadtbad.  Optimale Lage. Fast zentral gelegen, mit Waschmöglichkeiten im kriechnähe und fuß nahem Netto für die Grundverpflegung. Nach der ersten Zwangsweisen Vollrausch Übernachtung zog Kalle bei Willi ein. Natürlich nicht offiziell. Ein Bedarfsgemeinschaf war so ziemlich das letzte was sie sich in ihrer Situation leisten konnten. Leisten konnten sie sich lediglich Frau Sibrinski aus der Laube in Reihe C direkt hinter der riesen Rutsche.

Und die teilten sie sich brüderlich denn Frau Sibrinski ahnte nichts von einem Zwillingspaar. Wie auch. Termine mit Simone Sibrinski liefen ohne Worte ab und Willi hatte unter seine Vergangenheit einen  Strich gezogen der so breit war wie die B8 hinter der Laube:

Willi war mal Schreinermeister. Eigene Werkstatt. Volle Auftragsbücher. Reichlich Kundschaft. Willi kann noch Schränke bauen die so stabil sind, dass er lebenslange Garantie darauf geben könnte. Will nur keiner mehr. Willi könnte sogar Schränke bauen, die in fünf Minuten aufgebaut sind. Keine Schrauben sortieren, keine Imbusschlüssel, keine schwedischen Bausatzzeichnungen.  Einfach In jede Ecke einen Keil und zack – steht das Dings wie ne Eins. Will aber keiner mehr. Handgefertigte Möbel? Individuelle Designe? Geruch von Echtholz und Männerschweiß an der Kreissäge? Stinkt nach malochen und ist nicht schick. Fand Helga auch und hat sich vom Acker gemacht. Mit Willis Versicherungsvertrer ab an die Ostsee und die Plattenbauten mit Funierbillis ausgestattet. Smöreland am Ostseestrand. Wenn Sie Freunde besuchen fühlen sie sich gleich zuhause. Sieht überall gleich aus. Modernes Leben in Wohnlandschaften. Modernes Furzen im Ikeakatalog. Von der Küche, bis zur Lampe und dem Bettbezug. Selbst in der Ferienwohnung auf Ibiza. Fehlt nur noch der Köttbull in der Einbaucküche. Ansonsten ruht der Blick auf altbekannten Stückgut mit lebenslanger Wegwerfgarantie. Nur der Dönerflecken in der Couchgarnitur ist an einer anderen Stelle. Und  das Bild im Rahmen ist leer. So leer wie Willis Auftragsbücher und Willis Kornpulle wenn er am 30. Die Abrechnung macht und noch so viel an Rechnungen übrig ist.

Aber aufgeben gibt’s für Willi nicht. Er hat die Wende überlebt, die Scheidung und den ersten Herzinfarkt . Also hat er weiter gemacht. Von Schränke und Tische umgesattelt auf Fenster und Türen. Plastikbausätze in Eigenheime. Plastikbausätze in Neubauten, Plastikbausätze in Altsanierungen. Immer genau in den Räumen, wo du jetzt schon weißt an welcher Ecke der Schimmel sich festsetzt weil die Rahmen nicht atmen. Ein kleiner Trost aber nicht genug. Als die ersten Heimwerker ihre Fenster per Internet bestellten hat er seine Werkstatt abgefackelt und ist in seinen Schrebergarten gezogen. Ist nicht erlaubt, aber auch egal. Abends sitzen sie am Feuer und erzählen sich ihre Geschichten von dem Leben was noch übrig blieb. Ist nicht mehr viel. Aber es reicht für Doppelkorn und Platzmiete. Den Rest vom Ersparten hat Willi in den Puff gebracht. Weil er das älteste Gewerbe der Welt solidarisch unterstützen wollte. Wir Handwerker müssen zusammenhalten hat er immer gesagt. Aber als sie im Puff die Bumsflatrate eingeführt haben ist er abgehauen. Das war seine private Revolution. Hat nur keiner gemerkt.

Hermann auch nicht. Ob wohl Hermann ein Schnellmerker ist. Nach der Insolvenz hat er schnell gemerkt, dass es nun bergab geht. Nun gut die Insolvenz war eine Private, aber dennoch. Erst kam Insolvenz, dann die Impotenz und zum  Schluß die Inkontinenz. Oder umgekehrt. Kann passieren. Das eine bedingt das andere oder umgekehrt. Alles drei zusammen wirkt auf Frauen relativ unattraktiv und das hat Hermann das Herz gebrochen. Hermann ist ein Filou, ein Schelm und ein Schwerenöter. Und eigentlich ist Herzensbrechen sein täglich Brot. Sozusagen sein Gewerbe.  Er bricht den Frauen das Herz nur damit sie spüren dass sie eins haben. Hermann war sich dieser Verantwortung bewusst. Und er hat sich dieser Verantwortung gestellt. Auch wenn es für ihn schwer wurde, oder auch teuer, oder beides. Die erste Scheidung hat ihn sein Haus gekostet, die zweite seinen handpulierten Opel Kadett, die dritte die seine geliebte Kettensäge  und die vierte seine Zigarrenkistensammlung aus der Wilhelminischen Zeit. Und damit war Hermann pleite. Und zwar komplett und zwar richtig.  Man könnte auch sagen mittellos verarmt. Was ihm geblieben war, war sein Stolz, ein schicker Anzug, ein Einstecktuch und sein letzter Paar italienischer Schuhe. Und natürlich sein Stolz. Und seine gepflegte Aussprache und sein charmantes Lächeln und natürlich nicht zu vergessen sein Monokel aus dem Erbe seines Großvaters mütterlicherseits. Damit hatte er nach seinem Ausscheiden aus dem Beamtendienst bei alleinstehenden Damen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dies wiederum hatte Spuren in ihm hinterlassen und führte ihn eher unverhofft zu einer äußerst lukrativen Einnahmequelle. Einer Quelle,  die schier unversiegbar schien. Hermann Spezialgebiet waren die einsamen Herzen in den Seniorenresidenzen am Düsseldorfer Stadtrand. Als Baron von Lichtenstein suchet er stets seine geliebte Tante zu besuchen, die er zu seinem größten, ja allergrößtem Bedauern schon so lange nicht gesehen hatte. Sie verstehen, diplomatischen Verpflichtungen in Dubai, wichtige Transaktionen in Tansania, Vertragsverhandlungen in Venezuela. Aber nun ja, nun sei er hier, und wo sie denn sei  die wehrte Tante. Er wolle ihr unverzüglich seine Aufwartung machen und sie in die Arme schließen. Sie Ärmster schallte es ihm dann entgegen. Er komme zu spät. Welch ein Schicksalsschlag, ein Tag zu spät. Man stelle sich vor. Nur einen Tag zu spät! Erst gestern sei sie begraben worden. Aber wo er doch nun da wäre, solle er nicht vergeblich gekommen sein. Gerne könne er ihnen bei einem Tee Gesellschaft leisten. Ja so war das. Baron Hermann von Lichtenstein kam, sah und liebte. Alle! Und wenn ich sage alle, dann meine ich auch alle. Große, Kleine, Dicke, Dünne, katholisch,, evangelisch, Raucherinnen, Nichtschwimmerinnen, Bankierswitwen, Vorstandsgattinnen a.d.,  Hermann saß da, verschenkte sein bezauberndes Lächeln, eine zarte Geste, einen liebes Kompliment, streifte mitfühlend einen Arm, bietet  tröstend einen Arm, bot seine Breite Schulter und bescherte den Damen unvergessliche Stunde im Rahmen seiner männlichen Möglichkeiten. Seine Hingabe war außerordentlich, seine Leidenschaft zügellos und sein Absicht ohne Skrupel. Kurz vor dem Höhepunkt erbat er den Check fürs wieder kommen und er kam. Immer wieder. Der Mauerfall  brachte Ihn zu Fall. Unverhofft erschien längst vergessenen Gatte aus den wiedervereinten Ostgebieten und geboten seinem Treiben Einhalt.  Das war tragisch, aber es kam schlimmer. Hermanns kleiner Freund und steter Wegbereiter begann still und leise vor sich hinzutröpfel. Hermann konnte pissen gehen sooft er wollte, spätestens nach 10 Minuten leckte der Wasserhahn und ein kleines urinales, gelbliche warmes Rinnsal suchte sich unerbittlich seinen Weg  durch Hermanns weißen Feinripp hin zu seinem letztes Paar italienischer Schuhe.

Herman ging die Blasendsissonanz nicht nur an die Nieren; sondern auch gehörig an die Eier. Die Angst, die Damen könnten seine Unpässlichkeit nicht nur erahnen, sondern auch riechen raubte ihm den Schlaf, das Lächeln, den Charme und die Potenz. Von aller Männlichkeit beraubt wurde Hermann erwerblos. Das teure Düsseldorf wurde zum Groschengrab. Alle längst verbuddelten Schätze mussten  in der Pfandleihe tragen werden, und ihm, dem Herrn vom Stand blieb nicht mal der Bilderrahmen seines selbstkopierten Adelstitels. Statt Privataudienzen bei den Damen des betuchten Wohlstands  nur noch die Privatinsolvenz mit Kuckuck und einem herzhaften „Scheiße ist das Scheiße gelaufen.“  Und „Leck mich doch am Arsch dann zieh ich r nach Dinslaken.“

Kann ein Mann tiefer fallen? Dubai Tansania, Venezuela, Düsseldorf, Dinslaken. Nein nicht Lohberg. Nur Dinslaken.

Herman zog zu seinem Schwippschwager nach Eppinghoven auf die Couch. Der Bauer war Gutmensch, und deswegen gehörte seine Couch nun dem Schwippschwager. Jedenfalls solange bis die verwandtschaftliche Blasenflüssigkeit in seine Ikeawohnlandschaft suppte und klar war das damit jedes Rückgaberecht ruiniert war. Herman verteilte Urinsteine im  Billiregal boten da keine ausreichende Lösung.

Also nahm Herman seinen letzten Euro, zog beim Aldi eine Karre, verstaute seine Habseligkeiten und setzte sich in Marsch auf eine angemessen Parkbank in Dinslaken. Die Wahl fiel auf eine schmucke Bank in der Schrebergartensiedlung hinterm Stadtbad. Optimale Lage. Fast zentral gelegen, mit Waschmöglichkeiten im riechnähe und fuß nahes Seniorenheim. Nur für den Fall, dass es doch noch einmal eine neue Blütezeit geben sollte. Zugegebener Massen war die Anlage dermaßen  verschissen, dass selbst Hundebesitzer sich nicht mehr ins Gebüsch trauten und lieber entlang am Rotbuch Stadt nah kacken ließen, aber sei`s drum. Der nächste Netto ist in Blickweite.  Und Harz 4 noch nicht beantragt.

Was Hermann außer Acht gelassen hatte war, dass die Schrebergartensiedlung am Stadtbad Erwins Revier war.  Erwin ist die zweibeinige  Promenadenmischung des Blumenviertels und resistent gegen jegliche Quartiermanagerin. Erwin ist mal zugewandert zu Zeiten da  es hinterm Bahndamm noch eine florierende Wirtschaft gab und schmucke Siedlungen für die Malocher Schicht auf den grünen Rasen gestellt wurde. Erwin war Vorarbeiter und hatte was in den Muckis. Leider aber Zuviel. Auch an Adrenalin. Regelmäßig rastetet er aus und haute jedem eins in die Fresse der ihm dumm kam. Leider kamen ihm alle dumm und Erwins Spielraum war extrem begrenzt. Erwin kann arbeiten aber nicht denken. Was an sich kein Problem ist, jedenfalls solange es Arbeit gibt bei der man nicht denken muss. Irgendwann war Schicht mit der Schicht. Nix mehr mit Produktion. Nix mehr mit ehrlicher Arbeit. Muskelkraft, anpacken, Überstunden klotzen, saufen, Frau Vögeln und ins Bett fallen um wieder aufzustehen.  Es hatte sich ausproduziert und Erwin stand auf der Straße. Job verloren und Werkswohnung verloren. Die Frau rannte was sie konnte und war weg bevor Erwin anbieten konnte mal unten zu liegen.  Es gab noch keine Gleichstellungsbeauftragten aber Erwin hatte es im Gefühl, das da  was komplett an ihm vorbeilief. Die Welt hatte sich verändert und seine Händerabeit brachten kein Geld mehr. Erwin ist Schlosser. Oder war Schlosser. Deswegen hat er sich auf Schlösser verlegt. Leider aufs Schlösser knacken. Was kein Problem ist, solange man Schlösser mit Muskelkraft aufschweißen kann und keine Null-Einser-Codes braucht um den Türschlosscoumputer zu überlisten. Am Ende blieb nur noch Einbruch bei schlafenden Senioren mit ausgeschaltetem Hörgerät. Das war demütigend und seiner nicht würdig.  Als er nur leere Sparbücher vorfand zog er ins Grüne. In den Schrebergarten. Frische Luft, . Optimale Lage. Fast zentral gelegen, mit Waschmöglichkeiten im riechnähe und fuß nahes Seniorenheim. Fall er doch mal Kleingeld brauchte für eine Arztrechnung.

Soweit so gut.

Der Morgen des 12. Oktobers 2013 änderte sein Leben radikal.

Seine Bank war besetzt. Und dabei war er nur 10 Minuten weg gewesen. Austreten. In die Büsche. Zwischen Hundekacke, Silvesterböller und Damenbinden hatte er mal lässig was abgeschlagen, einmal abschlackern, hüftkreisen, Reisverschluss hochziehen und den Sack in Stellung bringen. Soviel Zeit muss sein. Dann lässiges Umdrehen, Zurückschlendern  und dann.

 „Von  Austritten  in den Grünstreifen würde ich abraten. Braune Schuhe werden dann noch brauner. Nur mal so als Tipp.“ „Wenn ich ne Beratung brauche geh ich zur Postbank. Verpiss dich zu Micky.“.
„Gestatten Herman von Lichtenstein. Zurück aus Übersee und nun in der Sommerfrische…“ „
„Am Kackstreifen der B8. Nä ist klar.  Mach dich vom Acker du schicki Micki, runter von meiner Bank.“
„Ein überaus interessanter Gedanke eine Parkbank als Eigentum zu sehen. Im Sinne des Gemeinwohls und als öffentliche städtische Anlage sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber…“
„Fresse oder dick!“
„So gesehen haben sie natürlich Recht.“
„Na, dat wär ja mal was Neues das ich recht bekomme. Und nu tschö mit öh.“

Erwin hatte einen dicken Strauß blutroter in der einen Hand und seine Krücke in der anderen. Heute, so hatte er sich geschworen wollte er seiner Angebeteten einen Antrag machen.

Dass sie Simone hieß war ihm bekannt, auch die Tragik ihres Schicksals. Mit einem entrückten Blick sah in die Ferne und wartete dass eine Angebetete heran rollte.  Ja Rollte, Simone lief nicht, nein sie rollte. Ohne Eile, aber in einem zügigen Vorwärtskommen, dass auf eine kräftige Muskulatur und einen eisernen Willen schließen ließ. Simone hat schon in früher Jugend ihre Zwei Beine gegen vier Räder eingetauscht. Betriebsunfall in der LPG Strahlsund.  Sie hatte mit Manfred im Heu ihre erstes Liebesspiel als Wolf mit seinem Mähdrescher in blinder Eifersucht durchs Korn bretterte. Sie hatten ihn nicht gehört wie auch. Das Radio lief auf volle Pulle und der Rias spielte verbotene Westmucke rauf und runter. Auch über ihr ging es rauf und runter und dabei war ihr handgeklöppeltes Spitzenhöschen aus dem Erzgebirge irgendwie bis auf Knöchelhöhe gerutscht. Was weiter nicht schlimm war, abgesehen von der Tatsache das sie dermaßen behindert nicht  schnell genug laufen konnte und ein doch sehr hässliches Geräusch sie erahnen ließ, dass schöne Schuhe in naher Zukunft ihr geringstes Problem sein würde. Ihr Weg führte sie über die Unfallchirurgie in die Reha und von dort in das paraolympische Leistungszentrum des siegverwöhnten Nationalteams. 12 Anabolika Jahre Später war sie der Star der nationalen Schwimmstaffel und kaum von den männlichen Kollegen zu unterscheiden. Tiefe Stimme, breiter Oberkörper und mukulierte Arme. Was zur Folge hatte das sich ihr schwuler Trainer Wladimir sich Hals über Kopf  in sie verliebte und sie gemeinsam die Flucht nach vorn antraten. Nach vorne hieß in dem fall in den Westen, was sie beide umso mehr in den täglichen Trainings Drill zwang. Aber die Mühe wurde belohnt. Aufnahme in den Olympiakader. Bei der Eröffnungsfeier  1972 in Heidelberg rollte sie stolz über den Rasen um dann den nächst besten Zug in die westdeutsche Pampa zu nehmen. Bayern kam nicht in Frage. Für eine Rollstuhl zu viele Berge. Norddeutschland auch nicht. Als Schwimmerin ans Meer, da würden man sie zuerst suchen. Also ab ins Flachland an den Niederrhein. Ihre Reise  endete in Dinslaken und damit auch ihre leidenschaftliche Affäre.  Wladimir begann ein Verhältnis mit einem schmucken Herrn in Anzug. Der Anzug War namenlos weil er nicht erkannt werden wollte, denn immerhin war ewr der Exferund seines  Schwippschwager der wiederum des schwulsten Stadtrates  war, den Dinslaken je gesehen hatte.

Simone trauerte dreißig Jahre, dann wollte sie wieder nach Hause. Was sollte sie auch in Dinslaken. Der Trabbi war längst Schrott,  die Grenze wieder offen und Meck Pom hatte eindeutig mehr Seen zum Schwimmen als Dinslaken. Sie packte was sie konnte in Kartons, bestellte das Umzugsunternehmen und rollte zum Bahnhof. Da erst wurde ihr klar, welches bittere Schicksal sie nach Dinslaken verschlagen hatte. Dinslaken hatte alles. Eine Burg, einen Bach, ein Festival, eine Kirmes, ja sogar einen Bahnhof. Aber keinen Behindertenaufzug. Sie wartete geschlagene 48 Stunden  auf eine Lösung. Dann kam Erwin vorbei. Erwin sammelte Flaschen. Und Zwar alle. Die einen kamen in den Altglascontainer. Die anderen tauschte er ein. Von seinem Pfandgeld kaufte er sich im Bahnhofskiosk einen Kaffee, eine Zeitung und ein Brötchen.  Jeden Morgen um 6:30 Uhr. Das war seine Routine seit 55 Jahren. Davon hatte ihn auch die Werkschließung nicht abbringen lassen. Auch nicht das Rheuma und das Asthma dass er sich von der harten Arbeit in kalten und zugigen Werkshallen zugelegt hatte. Er machte sich seine Quark und Senfwickel jeden Abend. Morgens nahm er die Krücke ging zum Bahnhof, kaufte seine Frühstück und die Lektüre und setzte sich auf den Bahnsteig. Hier war es so zugig wie in der alten Halle und er fühlte sich wieder etwas zuhause, aufgehoben und vertraut. Wenn auch nicht mehr nützlich.

Und dann war er eines Montags morgen in Simone gelaufen. Sie stand im Weg, denn da wo sonst nie jemand stand hatte sie geparkt.  Unten an der Treppe nach oben.  Sie schaute ihn an und dann nach oben auf den Bahnsteig. Er zuckte mit den Achseln und zeigte auf seine Krücke.

Dann schob er sie zum Stadtpark zu den tauben am See. Sie erzählte ihm seine Geschichte und er besorgte ihr eine Laube in der Schrebergartensiedlung hinterm Stadtbad. Optimale Lage. Fast zentral gelegen, mit Schwimmmöglichkeiten im rollnähe und Apotheke um die Ecke.

Erst viel Später hatte er von seinem Schicksal erzählt und sie vertraute ihm an das sie mal fast Olypiasigerin war und die erste in der Familie Sibrinski die in den Osten gemacht hatte. Danach hatten sie aufgehört zu reden. Sie gingen zusammen spazieren, fütterten die Tauben, sahen den Kindern beim schwimmen zu und hielten einander zaghaft die Hand.

Und heute wollte er um diese Hand anhalten. Das war mal klar, aber auch so was von klar. Klar war auch, dass Simone von nichts wußte, ja nicht einmal erahnte. Und selbst in den kühnsten aller träume hätte sie und nimmer damit gerechnet.

Und weil Erwin das wußte freute er sich schon jetzt auf Simones Blick.

Erwin schaute auf Rose und war stolz auf sich daran gedacht zu Hause. Geld für Rosen hatte er natürlich keine, aber so ein Schrebergarten bot attraktive Möglichkeiten auch ohne hochpotente Denk Strukturen.

Und nun stand ihm dieser Schnösel im weg, bzw. Saß auf seiner Bank.

Mit einem sehnsuchtsvollen Blick schaute Erwin gen Osten, denn er wußte Simonew Garten lag in diese Richtung und sie würde wie immer den kurzen Weg nehmen. Den kurzen weg, allerdings aus der anderen Richtung nahmen Willi und Kalle und die Zornesröte war ihnen ins Gesicht geschrieben

„Wer hat unsere Rosen geklaut?“

Erwin wechselte von Bordeu rot auf schneeweis und drückte Herman die Gartenpracht in die Hand Hermann schaute perplex und wollte schon den Mund aufmachen als ein „Fresse, sonst dick“ zischender weise an sein Ohr drang.

Will und Kalle kamen zügigen Schrittes auf Hermann zu, und Hermann entwaffnete sie auf der Stelle mit dem zu eigene Art: „Gestatten Baron Hermann von Lichtenstein. Ich kontrolliere für Brüssel die Einhaltung der europäischen Kleingartenanlagen-rosenzucht-normverordnung. Das Stilwachstumsverhalten dieser Rosen weicht um ein tausendstel Grad von dem festgesetzten Neigungswinkel Din A 2.0815 ab. außerdem riechen diese Rosen extrem nach Urinstein auf Billi. Sind das ihre Rosen?“ 
Billi und Kalle stammeln ein “Nein!“
„Dann“ hob Hermann an “dürfte sich diese Angelegenheit erübrigt habe. Bitte gehen sie in ihre Gärten und warten dort auf mich. Ich werde in Kürze die Normgerechte Schleimspur ihre Nacktschnecken überprüfen. Ich wünsche einen..“

In diesem Moment sieht er das bezauberndste wesen das jemals auf ihn zugerollt kam.

„Ick glob meine Muschi leckt. Wat is datt denn für ne Versammlung.“
Simone rollte langsam aber zielstrebig auf die Mannschaft zu. „Ne Krücke ohne Hirn, ne Wurst ohne Finger und..“ Sie begutachtet Herrmanns gelb-braunes Schuhdesign“ „ne Insolvenz mit Harndrang. Wenn datt man nicht en Dreamteam is. Sach ma Schreiner, watt hast du denn für ne Behinderung.

„Ich bin überqualifiziert“ Willi ist froh noch was gefunden zu haben „Schreinermeister, Deutscher Meister im der Taubenzucht. Deutscher Landesmeister in der Kanickelvermehrung; fast mal Schützenkönig von walsum – Eppinghoven, Karnevalsprinz bei Rot weiß Sufftata , Vorstand vom Kleinartenverein, Beste Rosenzucht 1989

„Kalle du has doch ne Schraube locker.“
„Nä, eben nicht,  alles nur Keile.“
„Ick geb dir gleich Keile.

Für einen Moment herrscht betretenes Schweigen.
Herrmann wagt den Schritt und der geht bei ihm immer nach vorn  „Gestatten Baron Hermann von Lichtenstein, ich freue mich außerordentlich ihre Bekanntschaft zu machen.“. Hermann überreicht die Rosen „Eigentlich wollte ich meine Tante besuchen, aber …“

„Vergießet Professor hier is nix zu holen. Und falls datt jetzt en Hochzeitantrag sein soll, dann ab inne Laube: Da wird jetzt jezockt und zwar nen ordentlichen Doppelkopf. Und jeheiratet Herr Baron  wird bei uns immer ohne Gemüse.“

Und  mit einem Schwung, der einer fast olympischen Siegerin im Staffelschwimmern würdig ist wirft sie den schönsten Strauß Rosen den Erwin je aus Willis und Kalles Schrebergarten geklaut hatte genau in die Tonne, die Hermann Baron von Lichtenstein am nächsten stand.

 

Dinslaken,  Oktober 2014 für „Geschichten aus der Tonne“ Theater Halbe Treppe